Allergikergerecht bauen – beschwerdefrei wohnen

Niesender Mann

Aufatmen in der richtigen Umgebung

Wenn man auf Chemikalien, Schimmel oder Baustoffe allergisch reagiert, braucht man eine spezielle Wohnumgebung – ein Allergikerhaus. Gibt es das überhaupt? Musterhaus.net hat Experten gefragt, worauf man achten muss.

Schon beim Aufwachen hämmernde Kopfschmerzen, die Haut juckt unerträglich und dazu Schwindelattacken und Übelkeit. Chemikalien wie Formaldehyd, das in Holz als Kleber oder in wasserlöslichen Farben als Konservierungsmittel genutzt wird; aber auch Weichmacher aus Kunststoffen und hochsiedende Lösungsmittel aus „lösemittelfreien“ Farben und Lacken rufen diese Beschwerden hervor. Die Schadstoffe aus Fußböden, Wandfarben, Stoffen und Möbeln lösen Allergien aus. Bis die ersten Beschwerden in den eigenen vier Wänden auftreten, vergehen manchmal mehrere Jahre. Die Krankheitssymptome sind dabei sehr unterschiedlich und schränken die Lebensqualität der Betroffenen stark ein.

Neben allergischen Reaktionen hervorrufenden Chemikalien, verursachen auch Hausstaub, Pollen und Schimmel gesundheitliche Probleme. Laut der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinischen Immunologie (DGAKI) sind Allergien zur Volkskrankheit geworden. Im Laufe ihres Lebens leiden 40 Prozent der Deutschen an einer Allergie – Tendenz steigend. Vor allem Haut, Atemwege und Darm reagieren auf Substanzen der Außenwelt.

Grafik zu den Allergikern in Deutschland

Jeder vierte Deutsche leidet an einer Allergie – Tendenz steigend.

Matthias Kleinhenz ist Geschäftsführer von wir-leben-haus und Gutachter. Er erklärt: „Wir verbringen viel Zeit in geschlossenen Räumen, es wird zu selten gelüftet und zu eng gebaut. So sammeln sich die Schadstoffe in den Räumen.“ Die Baubranche reagiert auf die speziellen Bedürfnisse der Allergiker. In den Katalogen und auf den Internetseiten sind sogenannte „Allergikerhäuser“ zu finden. Kleinhenz hält von diesem Begriff nicht viel: „So etwas gibt es nicht. Bei tausenden Arten von Allergien kann es das auch nicht geben.“ Er spricht lieber vom schadstoffarmen oder umweltverträglichen Haus.

Peter Bachmann ist Geschäftsführer des Sentinel Haus Instituts und baut seit über 10 Jahren nachweislich gesund. Auch er findet den Begriff irreführend: „Das klingt, als könnten Allergiker in so einem Haus ohne Probleme wohnen. So einfach geht das aber nicht, man muss oft individuell planen.“ Häufig wird mit „ökologischer Bauweise“ geworben. Das impliziert, solche Häuser seien unbedenklich und gesund. In ihnen werden vor allem Naturstoffe wie Holzböden verbaut. Aber speziell dieses Holz kann für Allergiker problematisch werden. „Die Naturöle lösen oft Symptome aus“, erklärt Matthias Kleinhenz. Außerdem gehöre noch viel mehr zu einem schadstoffarmen Haus, als nur die Baumaterialien. Allergiker sollten die Umgebung ihres Hauses gründlich in die Planung miteinbeziehen. Abgase einer Autobahn, Schimmelsporen einer Biokompostanlage oder einer Landwirtschaft in der direkten Nachbarschaft können die Symptome von Betroffenen verstärken.

Das schadstoffarme Haus – individuell geplant

„Es gibt einen Standard des Umweltbundesamtes für öffentliche Räume“, erklärt Peter Bachmann. „Dieser Standard gibt an, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein gesunder Mensch nicht krank wird.“ Für privaten Raum gäbe es diese Kriterien nicht. Da müssen Bauherren eigene Schwerpunkte festlegen. Dabei könne eine Baustoff-Liste helfen. „Wir nutzen eine große Datenbank mit Schadstoffangaben“, erzählt Bachmann, „wir beraten die Bauherren und geben ihnen eine individuelle Liste mit.“

Damit Allergiker wissen, auf welche Stoffe sie reagieren, sollten sie sich beim Arzt einen Allergikerpass ausstellen lassen. Dann können ganz persönliche Kriterien festgelegt werden. Nicht nur Böden und Wandfarben seien dabei wichtig, auch Rohrleitungen, Dämmmaterial und Fenster müssten auf die individuellen Kriterien angepasst werden. Kleinhenz: „In der Regel werden Kalkputz, Naturstein und unbehandelte Naturholzböden, die nicht verklebt werden, gut vertragen. Auch hier gibt es aber Ausnahmen.“

Allerdings sind nicht nur die Baustoffe wichtig. Man brauche auch Handwerker, die sie richtig verbauen können. „Der ganze Baustellenablauf ist anders. Die Arbeiter sind speziell geschult und erledigen beispielsweise Sägearbeiten nur draußen.“

Achtung bei Gütesiegeln

Peter Bachmann betont, Gütesiegel, die Baustoffe als allergikergerecht oder ökologisch ausweisen, mit Vorsicht zu genießen. „Viele Zertifikate kommen direkt vom Hersteller und sind schlicht ausgedacht. Sie sind kein belastbares Prüfzeugnis, da es keine neutrale Kontrollmessung der Prüfkammer gibt.“ Neben dem hauseigenen Siegel empfiehlt er, auf die Gütesiegel des TÜV Rheinland und natureplus zu achten. Die lieferten ein brauchbares Emissionszeugnis. Matthias Kleinhenz weist noch auf die Volldeklaration hin: „Das ist ein Produktdatenblatt, auf dem alle Inhaltsstoffe stehen. Allerdings geben nicht alle Hersteller diese Blätter frei. Da muss man dann hartnäckig sein.“

Einen guten Anhaltspunkt liefert auch der Prüf- und Kriterienkatalog für ein allergikergerechtes Öko-Haus – kurz ALLÖKH – vom Institut für Umwelt und Gesundheit in Fulda. Mit diesem Katalog lassen sich sowohl der Wohnraum als auch das Wohnunmfeld auf ökologische Kriterien testen.

Emissionswerte vertraglich festhalten?

Weil es keine gesetzlich festgeschriebenen Emissionswerte für private Räume gibt, kann man sie vertraglich festhalten. Ob das sinnvoll ist, diskutieren die beiden Experten kontrovers. Peter Bachmann rät mit Nachdruck dazu: „Man muss ganz klare Werte vereinbaren. Bei Formaldehyd zum Beispiel 60 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.“ Nur wenn konkrete Werte im Vertrag stünden, könne man sein Recht einklagen. Matthias Kleinhenz ist da anderer Ansicht: „Viele Firmen wissen nicht, was sie sich damit antun. Sie verlassen sich auf Herstellersiegel und glauben wirklich, gesund zu bauen, weil sie es nicht besser wissen.“ Weil es keine definierten Grenzwerte für private Räume gäbe, müsse man selbst welche definieren. Das könne schwierig sein, wenn man sich nicht auskennt.

Schadstoffarmes Bauen – teures Bauen?

Beim Preis gehen die Meinungen ebenfalls deutlich auseinander. Laut Peter Bachmann muss ein gesundes Haus nicht mehr kosten: „ Man kann alles schadstoffarm bauen, egal ob Massiv-, Holz-, oder Betonbau.“ Es komme darauf an, welchen Qualitätsstandard man selbst ansetze. Bei einem guten Unternehmen und vernünftigen Materialien läge man dann bei bis zu zwei Prozent Mehrkosten für ein schadstoffarmes Haus. Matthias Kleinhenz hält dagegen, nennt aber keine genauen Zahlen. Er sagt: „Ein baugesundes Haus ist definitiv teurer, weil der Aufwand viel höher ist. Man muss intensiver beraten, der Baustellenablauf ist anders und es kann auch länger dauern. Bei manchen Materialien müssen wir auch einen Umweltmediziner hinzuziehen.“

Nicht nur Baustoffe tragen zu einem gesunden Wohnen bei

Damit aus einem Allergikerhaus auch wirklich ein Allergikerhaus wird, sind unterschiedliche Punkte zu beachten. Baustoffe können noch so emissionsarm sein, wenn man sich danach die falschen Möbel oder Stoffe ins Haus holt, hat man als Allergiker unter Umständen wieder Symptome.

Nahaufnahme von Hausstaubmilben

Hausstaubmilben tummeln sich zu Hundertausenden in unseren Betten.

Stephanie Wagner der Firma Allcon berät vor allem Neurodermitis-Patienten und Hausstaubmilben-Allergiker. Sie empfiehlt, auch die Innenausstattung des Hauses sorgsam auszuwählen: „Hausstaubmilben-Allergiker sollten keinen Teppich in den Räumen legen, sondern lieber auf Laminat oder Fliesen zurückgreifen. Alle anderen Textilien wie Gardinen, Badvorleger und Decken sollten regelmäßig mit einem speziellen Waschmittel gewaschen werden, das die Milben abtötet.“

Porträtbild von Stephanie Wagner

Stephanie Wagner, Allergie-Expertin.

Sie rät außerdem zu einer Fußbodenheizung, weil die weniger Staub aufgewirbelt und zu allergikergerechten Oberbetten. „Der Schlafbereich ist der wichtigste. Da sollte man als Betroffener ein hohes Maß an Vorsicht walten lassen, denn in Matratzen und Kopfkissen kommen Milben am häufigsten vor.“ Dennoch solle das Leben durch spezielle Maßnahmen unterstützt und nicht erschwert werden. Man müsse für sich selbst rausfinden, was geht und was nicht.

Übrigens: Die Krankenkasse zahlt allergendichte Zwischenbett- und Matratzenbezüge, wenn ein Arzt eine Hausstaubmilben-Allergie diagnostiziert und ein Rezept ausgestellt hat.

Auf welche Punkte man als Allergiker beim Hausbau achten sollte, zeigt unsere kurze Checkliste:

  • Grundstück: Betroffene sollten sich möglichst schon vor dem Grundstückskauf beraten lassen, damit auch die Wohnumgebung miteinbezogen werden kann.
  • Baumaterialien: Die Volldeklaration der Baustoffe hilft bei der Auswahl der richtigen Materialien. Bei sehr empfindlichen Personen sollte individuell getestet werden, was vertragen wird. Ein Umweltmediziner kann helfen. Vorsicht ist vor Werbe- und Marketingsprache sowie zahlreichen Herstellersiegeln geboten. Nicht alles, wo „ökologisch“ oder „Natur“ drauf steht, ist für Allergiker geeignet.
  • Möbel: Die Inneneinrichtung sollte ebenso sorgfältig ausgewählt werden, wie die Baumaterialien. Zum Beispiel können Spanplattenmöbel Formaldehyd ausdünsten und manche Polsterstoffe sind mit Mottenschutzmittel imprägniert, die stark riechen.
  • Hausputz: Chemisch hergestellte Reiniger können sich bei falscher Anwendung auf die Raumluft auswirken. Sie hinterlassen einen unsichtbaren Film auf Fußböden, Fliesen oder Oberflächen, der sich langsam abnutzt. Ungesunde Inhaltsstoffe können dann in die Luft gelangen und eingeatmet werden. Allergiker sollten deshalb mit natürlichen Reinigern putzen.
  • Textilien: Gardinen werden mit stark riechendem Mottenschutzmittel behandelt; der Kleber bei Teppichen gibt Schadstoffe an die Umwelt ab, und in Bettbezügen sammeln sich die Milben. Allergiker sollten ihre Textilien sorgsam auswählen und auf Unverträglichkeiten achten.
  • Ernährung: Bei einigen Hausstaubmilben-Allergikern rufen Krusten- und Schalentiere Symptome wie Nesselsucht, Übelkeit und Atemnot hervor. Bei einer bekannten Kreuzallergie sollten diese Nahrungsmittel deshalb vermieden werden.

  • Eine kurze Checkliste, worauf Sie bei schadstoffarmem Bauen achten sollten, finden Sie hier als PDF-Dokument

Sentinel Haus Institut

Das Sentinel Haus Institut wurde von Peter Bachmann und Josef Spritzendorfer gegründet. Gemeinsam haben sie ein Verfahren entwickelt, mit dem Bauunternehmen, Endkunden und Investoren eine festgelegte Qualität der Innenraumluft vertraglich vereinbaren können. Bauweise und Typ des Gebäudes sind dabei unabhängig und es werden handelsübliche Baustoffe verwendet. Unterstützung bekamen sie von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und mittelständischen Bauunternehmen.

Das Konzept wurde 2008 zusammen mit zahlreichen universitären Forschungseinrichtungen, Juristen, Umweltmedizinern und Baupraktikern weiterentwickelt und mündete 2009 in die Veröffentlichung des Zertifikats „Gesundheitspass“. Er beinhaltet die Empfehlungswerte unterschiedlichster Institutionen. 2013 wurde das Sentinel Bauverzeichnis veröffentlicht. Das ist eine Online-Datenbank für emissionsgeprüfte Baustoffe, wohngesunde Objekte sowie entsprechend ausgebildete Planer, Fachhandwerker und Experten. Außerdem wurde die Sentinel Akademie, das Fortbildungskonzept zum qualitativ hochwertigen und rechtssicheren gesunden Bauen eröffnet.

Zur Website

wir-leben-haus

Das Bauunternehmen wir-leben-haus baut Massivholzhäuser und nutzt dafür ausschließlich umweltfreundliche Materialien. Es wird beispielsweise umweltverträglicher, formaldehydfreier Klebstoff bei den Massivholzplatten genutzt. Dabei geht es dem Unternehmen nicht um „Öko“ oder „Bio“, sondern um die Verträglichkeit für die Bewohner. Durch den Einsatz emissionsarmer und umweltfreundlicher Materialien und eines Lüftungskonzepts, wird eine hohe Luftqualität erreicht. Dabei arbeitet das Unternehmen mit dem Institut für Qualitätsmanagement und Umfeldhygiene, kurz IQUH, und Umweltmedizinern zusammen.

Zur Website

Über den Autor

Musterhaus.net
Musterhaus.net

Die Redaktion von Musterhaus.net informiert regelmäßig über die Trends im Bauen & Wohnen, verfasst hierzu Meldungen, Reportagen, Interviews und Hintergründe. Jeden Monat verschickt sie per E-Mail das Magazin „Hausbau aktuell".