Umweltmedizin: Interview mit Dr. Frank Bartram

Dr. Frank Bartram bei einem Vortrag zum Thema Umweltmedizin

Für gesundes Wohnen

Rund 9 Prozent der Deutschen leiden an einer Umwelterkrankung. Die Dunkelziffer liegt weit höher, Behandlungen müssen Betroffene selbst zahlen. Umweltmediziner Dr. Frank Bartram kämpft für die Übernahme der Kosten durch die Kassen.

Seit den 1990er gibt es das Fachgebiet der Umweltmedizin. Es arbeitet interdisziplinär und beschäftigt sich mit Erforschung, Erkennung, Behandlung und Prävention umweltbedingter und umweltassoziierter Gesundheitsstörungen. Laut mehreren internationalen Studien, sind in den USA bis zu 33 Prozent der Bevölkerung an einer moderaten Chemikalien-Intoleranz und bis zu 6,3 Prozent an einer vielfachen Chemikalienunverträglichkeit erkrankt. In Deutschland leiden mindestens 9 Prozent an einer Umwelterkrankung. Der Deutsche Berufsverband der Umweltmediziner (DBU) vertritt die Interessen der Umweltmediziner. Dr. Frank Bartram ist der 1. Vorsitzende des DBU. Musterhaus.net führte ein Interview mit ihm.

Musterhaus.net: Herr Dr. Bartram, welche Aufgaben und Ziele hat der Verband?

Dr. Frank Bartram: Die Umweltmedizin ist ein noch junges Fachgebiet der Medizin. Der DBU arbeitet also daran, das Gebiet bekannter zu machen. Als Vorsitzender war mein Herzensprojekt, unsere eigenen umweltmedizinischen Leitlinien zu etablieren, um die Heilung Umwelterkrankter zu erreichen. Wir arbeiten ausschließlich wissenschaftlich begründet. Spekulationen gelten in der Umweltmedizin als unseriös, da sie falsche Maßnahmen nach sich ziehen können.

Musterhaus.net: Ist der Verband eine starke Lobby?

Bartram: Wir sind eine kleinere Lobby, als zum Beispiel die Pharmaindustrie. Aber mit der Forschung in der Umweltmedizin könnten wir dazu beitragen, dass in Zukunft weniger Medikamente gebraucht werden. Und das ist selbstverständlich nicht im Interesse der Pharmaindustrie. Daher wird unsere Arbeit nur wenig von der Politik wahrgenommen.

Bartram: Das wird von Politikern nicht bewusst so gehandhabt. Die Umweltmedizin ist einfach nicht in ihren Köpfen. Wir schreien nicht so laut nach Aufmerksamkeit. Da müssen wir selbst dran arbeiten. Und wir müssen etwas Geduld haben. Wir forschen weiter, arbeiten nachhaltig und warten. Dann werden wir auch in der Politik für mehr Gesprächsstoff sorgen.

Musterhaus.net: Welche Position vertreten der Verband und Sie in der Frage Umweltmedizin als Kassenleistung?

Bartram: Die Umweltmedizin wurde erst in den 1990ern etabliert. Schon damals versprachen die Krankenkassenvertreter, Abrechnungsziffern für uns entwickeln zu wollen, damit wir über die Kassen abrechnen können. Bis heute gibt es das nicht. Einen einheitlichen Bewertungsmaßstab gibt es nur mit Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung. Also müssen wir die Umweltmedizin privat abrechnen. Ich würde es begrüßen, wenn umweltmedizinische Leistungen über die Kassen abgerechnet werden können. Vor allem die Laborkosten sind im Vergleich zur Anamnese hoch. Es gibt einige Patienten, die sich das nicht leisten können. Die sind dann sozial ausgegrenzt.

Musterhaus.net: Mit welchen Hemmnissen haben Umweltmediziner zu kämpfen?

Bartram: Bei der Behandlung von Patienten gibt es Schwierigkeiten. Ist eine Umwelterkrankung klinisch nachgewiesen, sollte eine Therapie erfolgen. Eine klassische Therapie ist allerdings nicht möglich, da es keine Medikamente gibt. Der Patient kann also nur die Dinge meiden oder minimieren, die ihn krank machen. Die Exposition muss man aber erst einmal kennen. Dafür muss man vom Allgemeinen ins Spezielle gehen. Mit den Patienten machen wir dann eine Spezialanamnese, das heißt, wir fragen sie richtig aus. Wo wohnen sie, wo arbeiten sie, welchen Zahnersatz haben sie etc. Eine Ausschlussdiagnose ist wichtig, weil manche Symptome unspezifisch sind. Zum Beispiel bei Schwindel: Das kann ein Symptom eines Sonnenstichs sein, aber auch ein Patient mit einem Hirntumor im Endstadium hat Schwindel. Hat man dann die Ursache gefunden, ist eine Umsetzung oft nicht möglich. Ein Familienvater, den der Teppich im Büro krank macht, kann nicht einfach seinen Job kündigen. Jemand, der in einer Mietwohnung lebt, wo ihm die Baumaterialien Probleme bereiten, kann nicht einfach einen Baubiologen bestellen und lossanieren. Außerdem dauert eine Exposition mehrere Jahre. Dann kann ein Umweltkranker aber auch wieder gesund werden.

Musterhaus.net: Wie leben Sie persönlich in Bezug auf Umweltgifte und Umwelteinflüsse?

Bartram: Ich habe das Haus prüfen lassen und achte auf schadstoffarme Materialien. Die Ernährung ist mir wichtig. Bei Lebensmitteln, die man täglich in größeren Mengen zu sich nimmt, achte ich auf höchste Qualität. Alles andere soll schmecken. Außerdem treibe ich regelmäßig Sport und mache Sauna-Baden. Man schwitzt die Schadstoffe aus und entschlackt dabei. Wichtig ist auch der Zahnersatz. Da habe ich einige Erfahrungen machen müssen. Man sollte darauf achten, einen zu wählen, den man gut verträgt.

Musterhaus.net: Was raten Sie Patienten, die ein so genanntes Allergikerhaus bauen wollen?

Bartram: Den Begriff „Allergikerhaus“ halte ich für abgenutzt. Ich bevorzuge, es „wohngesundes Haus“ zu nennen. Dann gibt es zwei Zielgruppen. Die Personen, die empfindlich auf Umweltgifte reagieren. Inzwischen sind schon Millionen betroffen, die ein Haus brauchen, das speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Es gibt aber auch gesundheitsbewusste Menschen, die wohngesund bauen wollen. Da muss man dann nicht unbedingt alles individuell testen lassen, sondern kann einfach auf schadstoffarme Materialien zurückgreifen.

Musterhaus.net: Vielen Dank für das Interview und die Zeit, die Sie sich genommen haben.


Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erklärte auf Anfrage von Musterhaus.net, es gäbe in der Tat keine Abrechnungsziffern im einheitlichen Bewertungsmaßstab. Wenn Ärzte umweltmedizinischen Leistungen über die Krankenkassen abrechnen wollen, müssten sie einen Beratungsantrag im Gemeinsamen Bundesausschuss stellen. Das Bundesministerium für Gesundheit bezog auf Anfrage von Musterhaus.net aktuell keine Stellung dazu.



Dr. Frank Bartram – DBU

Dr. Frank Bartram ist der 1. Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes der Umweltmediziner (DBU). Der Verband will die praktische Umweltmedizin in Deutschland fördern und vertritt die verschiedenen Arztgruppen gegenüber den Ärztekammern, den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen, um eine angemessene Honorierung umweltmedizinischer Leistungen durchzusetzen. Die Ziele des DBU sind unter anderem die Dokumentation wissenschaftlicher Daten, die Koordinierung von Therapiekonzepten und die Erarbeitung von Diagnostikleitfäden und Weiterbildungsrichtlinien.

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