Plusenergiehaus: Sei Dein eigenes Kraftwerk!

Effizienzhäuser Plus erzeugen einen Überschuss an Energie

Effizienzhäuser Plus erzeugen einen Überschuss an Energie

Plusenergiehaus: Ab April 2016 mit KfW-Förderung

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“: Den vielzitierten Ausspruch hat Helmut Schmidt oft bedauert, weil er weiß, dass er nicht stimmt. Noch vor 25 Jahren war es eine ferne Vision, Häuser zu bauen, die nicht nur die Energie für ihren Eigenbarf selbst erzeugen, sondern auch einen Überschuss produzieren. Mit dem Plusenergiehaus oder Effizienzhaus Plus ist diese Vision Realität geworden. Mehr noch: Es ist eine Bauart, die in Energiefragen richtungsweisend ist. Sogar architektonisch zeigt sich, dass die Kombination aus Pragmatismus und hochwertiger Optik möglich ist.

Die Motivation, im Hausbau neue Standards für die Energieeffizienz zu setzen, hat vor allem ideelle, aber auch auch wirtschaftliche Gründe. Die Erkenntnis um die Endlichkeit fossiler Brennstoffe verfestigt sich, und für kriegerische Auseinandersetzungen um Öl und Gas will hierzulande niemand verantwortlich sein. Sogar die (noch) ölreichen Golfstaaten sichern ihre Existenz vorausschauend ab, indem sie durch architektonischen Gigantismus touristische Eliten erobern wollen. Da macht es sich gut, wenn durch den Bau eines Plusenergiehauses nicht nur das Gewissen beruhigt ist, sondern auch das Portemonnaie geschont wird.

Damit ein Effizienzhaus Plus seinen Namen verdient, sind ein paar Voraussetzungen zu erfüllen. „Kernpunkt ist die Versorgung aller Energieverbraucher durch Sonnenkollektoren und der Fakt, am Ende einen Energieüberschuss zu erzielen mit dem Geld verdient werden kann“, erklärt Bauunternehmer und Architekt Wolfgang Dimke.

Lichtschutz vor Überhitzung

So sorgen also großflächige Kollektoren auf dem Dach und weite, nach Süden gerichtete Fensterfronten ganzjährig für genügend Wärme. Modernste Isolierverglasung, erstklassige Dämmung und Lüftungsysteme sichern die Zufuhr von frischer Luft bei minimalem Wärmeverlust. Im Sommer hilft ein Lichtschutz vor Überhitzung.

Neben einer effizienten Hülle, sind auch die Energieverbraucher im Inneren gefragt. Wichtig sind stromsparende Elektrogeräte und ein bewusster Umgang damit. Das kann den konsequenten Einsatz von LED-Technik bedeuten sowie den Einbau hochwertiger Küchengeräte. Manche Computerhersteller bieten sehr verbrauchsarme Geräte an. Zum Heizen empfiehlt sich eher eine moderne Anlage für regional gewonnene Holzpellets als 20 strombetriebene Heizlüfter aus den 70er Jahren. Die Baumaterialien sollten frei von Schadstoffen sein, um häufiges Lüften mit Durchzug unnötig zu machen.

Wer sich mit diesen Aspekten anfreuden kann, bekommt ein Haus mit viel Licht, frischer Luft, warmer Ausstrahlung und ein gutes Gefühl durch den konsequenten Verzicht auf fossile Ressourcen – ein Plusenergiehaus.

Mit Energieüberschuss Elektro-Auto auftanken

Der Energieüberschuss kann verwendet werden, um ihn ins öffentliche Netz zu speisen, um die Nachbarn damit zu versorgen, oder um das Elektro-Auto auftzutanken. Elektrotechniker Jürgen Molt aus Lüneburg hat sich für eine Einspeisung entschieden: „Wir bekommen zwanzig Jahre lang jeden Monat 170 Euro.“ Molt erzielte 2013 ein Plus von 5.725 Kilowattstunden – eine Größe, die durch klimatische Einflüsse und individuelle Bauweise sehr variabel ist.

Die großen Ziele sind und bleiben also der Energieüberschuss und die Rentabilität. Trotz der aktuell niedrigen Kosten für Öl und Gas, wird die unvermeidliche Verknappung mittel- bis langfristig zu hohen Energiepreisen führen. Unter diesem Aspekt wird ein Effizienzhaus Plus nicht zur Option, sondern zur Notwendigkeit. Bis es soweit ist, geht aber noch viel Zeit ins Land.

Das Effizienzhaus Plus ist aber keinesfalls energieautark. Da die Sonnenkollektoren nachts keinen Strom liefern, muss entweder ein teurer Akku gekauft oder Strom zugekauft werden. Jürgen Molt: „Wir haben uns wegen der hohen Kosten und des ungünstigen Wirkungsgrades gegen den Akku entschieden und kaufen Strom hinzu.“ Wichtig ist, dass die Gesamtbilanz einen Überschuss ausweist.

Förderung für private Bauherren ausgelaufen

Die Politik zeigt wie so oft ein zögerliches und uneinheitliches Bild. „Es gab ab dem Jahr 2012 eine Förderung für den Neubau und die Sanierung von Wohngebäuden im Effzienzhaus Plus Standard im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft Bau,“ so ein Sprecher des Bundesbauministeriums auf Anfrage von Musterhaus.net. Das Programm diente in erster Linie dem Austesten neuer Technologien. Die guten Ergebnisse kommen aber künftig nicht mehr privaten Bauherren zugute, sondern lediglich der öffentlichen Hand. „Das nächste Forschungsvorhaben mit Modellgebäuden umfasst Bildungsgebäude“, so der Ministeriumssprecher weiter.

Beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ist man ebenfalls mit dem Thema befasst. Dort wird die Absicht verfolgt, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Die könnten von den Energieüberschüssen der Häuser betankt werden. Das Ministerium hatte 2011 hierzu eine Forschungsinitiative ins Leben gerufen. Doch auch das Programm ist ausgelaufen. Weitere Initiativen sind nicht geplant.

So kommt für die Förderung lediglich die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) infrage. Dort ist frühestens ab dem kommenden Jahr etwas zu erwarten. Der Sprecher des Bundesbauministeriums gegenüber Musterhaus.net: „Es wird geprüft, inwieweit der Effzienzhaus Plus-Standard ab dem Jahr 2016 in die KfW-Förderprogramme aufgenommen werden kann.“ Allerdings besteht wenig Hoffnung, denn eine EU-Richtlinie sieht nur „Niedrigstenergiegebäude“ – also keine „Plushäuser“ – als Standard für 1.1.2019 vor.

Helmut Schmidt dürfte das wenig gekümmert haben. Er ist 1962 mit seiner Frau Loki in ein Reihenhaus im Hamburger Stadteil Langenhorn eingezogen – es dürfte kein Plusenergiehaus gewesen sein.


Über den Autor

Marcus Werner
Marcus Werner

Der Redaktionsleiter nimmt alles immer viel zu genau. Am liebsten würde er in einem großen Holzhaus leben. Stattdessen hockt er in einer kleinen Altbauwohnung.